Dass es so klein dort steht, ist durchaus beabsichtigt. Nach außen, zum Beispiel für die Medien, klingt so etwas natürlich erstmal schön greifbar, aber mal ehrlich: Wäre ich auch nur bei einem einzigen Bundesligarennen an den Start gegangen, wäre die Serie sofort gerissen. Ich bin ja zumindest in Deutschland nur bei jenen Rennen gestartet, die mir ausgesprochen liegen, und hatte zudem noch das Glück, pannenfrei durchzukommen.
Jetzt stellen Sie gleich zu Beginn Ihr Licht unter den Scheffel. Schließlich haben Sie unter anderem Timo Bracht, Normann Stadler, Michael Göhner, Faris Al-Sultan und den Australier Chris McCormack geschlagen.
Naja, kurz nachdem ich McCormack auf der Radstrecke im Kraichgau überholt habe, hatte er eine Reifenpanne. Es bleibt also offen, ob ich ihn tatsächlich geschlagen hätte. Als ich gegen Ende der Saison in den USA gegen die internationalen Topstars wie Javier Gomez oder Greg Bennett angetreten bin, hat es nicht einmal für die Top-Ten gereicht. Ich bin da aber auch nicht ohne Hintergedanken hingereist.
Wie meinen Sie das?
Es ist nie gut, wenn ein Athlet alle Rennen gewinnt, bei denen er antritt. Wie soll man sich im Winter motivieren, wenn man glaubt, unschlagbar zu sein? Es war mir klar, dass meine Erfolgschancen in einem Rennen in dem Maße schrumpfen, wie das Schwimmen an Bedeutung gewinnt ...
Welche Erfahrungen haben Sie aus den USA noch mitgebracht?
Ich wollte einfach mal ein bisschen internationale Rennatmosphäre schnuppern und wissen, wie es sich anfühlt, so weit für ein Rennen zu reisen. Das ist schon etwas ganz anderes, als sich mal eben für zwei Stunden ins Auto zu setzen und irgendwohin zu kommen, wo man alles und jeden kennt. Ich habe mich gewundert, wie viel Zeit und Kraft das Reisen und Organisieren kostet. Zum Ende ist mir dann ein wenig die Luft ausgegangen.
Deshalb haben Sie Ihren Start für die Ironman-70.3-Weltmeisterschaft in Clearwater, für die Sie sich mit Ihrem Sieg in Wiesbaden qualifiziert hatten, wieder abgesagt?
Ja, vor einem Jahr bin ich dort nach wenigen Wochen Vorbereitung und einer Knieverletzung an den Start gegangen, da habe ich mich sicher ein bisschen unter Wert verkauft. Ich habe mir damals geschworen, nie wieder bei einer WM zu starten, wenn ich nicht hundertprozentig fit bin.
Sie haben den Sieg Ihres Kollegen Michael Raelert sicher aus der Ferne genau beobachtet.
Ja, natürlich! Und danach muss ich erst recht sagen: Es war absolut richtig, nicht dort anzutreten. Ich wäre mit Pauken und Trompeten untergegangen! Ich hätte schon nach dem Schwimmen mindestens drei Minuten zurückgelegen und bei der Dynamik, die sich in der Spitzengruppe gebildet hat, wäre ich nie mehr nach vorn gekommen. Vor Michaels Leistung kann ich wirklich nur den Hut ziehen, das war für ihn eine ganz wichtige Etappe! Ich glaube, die 70.3-WM ist so eine Art Ironman-Talentschau, sie gibt wichtige Hinweise darauf, was beim Ironman auf Hawaii zu erwarten ist und wer dort Chancen hat. Craig Alexander oder Michaels Bruder Andreas sind dafür gute Beispiele. Man muss sehr schnell schwimmen und laufen und auf dem Rad bestehen können.
Wie sicher ist Ihr Wechsel auf die Ironmandistanz in der kommenden Saison?
Ich werde 2010 auf jeden Fall eine Langdistanz in Deutschland machen, ob es Roth wird oder Frankfurt, steht noch nicht fest. Ein anderes Rennen kommt aus Termingründen nicht in Frage, weil ich die Halbdistanz auch weiterhin mit hohen Zielen bestreiten will.
Noch vor einem halben Jahr mochten Sie gar nicht so konkret über den Ironman sprechen. Sind Sie angesichts der jüngsten deutschen Erfolge ein bisschen ungeduldig geworden?
Es stimmt, Anfang des Jahres war ich mir da noch nicht so sicher und ich finde die Entscheidung auch jetzt noch spannend. Es ist einfach ein logischer Schritt, aber ich werde noch nicht alles auf eine Karte setzen und mein ganzes Training umstellen. Ich möchte Erfahrung sammeln, ich habe sehr großen Respekt vor der Distanz und es wird sicher in den kommenden zwei Jahren bei einem Ironman pro Jahr bleiben. Ich möchte erstmal sehen, wie ich so etwas verkrafte, es wird bestimmt nicht leicht, über eine so lange Saison richtig zu trainieren und sich die Kräfte richtig einzuteilen.
Sie würden auf einen Start bei der Weltmeisterschaft auf Hawaii verzichten, auch wenn Ihnen die Qualifikation auf Anhieb gelänge?
Ja, das kann ich sicher sagen: Im kommenden Jahr ist Hawaii für mich absolut ausgeschlossen. Die Szene entwickelt sich in großen Schritten weiter und ich bin noch nicht so weit. Ich muss erst einmal das Loch im Schwimmen schließen und ein Gefühl für die Distanz bekommen. Mein primäres Ziel heißt: schneller werden. Ich möchte meine athletischen Möglichkeiten erweitern, alles andere wird dann von selbst kommen. Wenn ich nach Kona gehe, möchte ich den anderen einen Schritt voraus sein.
Jens Richter
Das vollständige Interview mit Sebastian Kienle lesen Sie in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift triathlon, die am 23. Dezember erscheint.