Dass die Präsidentin eines nationalen Sport-Dachverbands Mitgliederversammlungen ihrer Landesverbände besucht, ist eher selten. Doch als am vergangenen Wochenende die Delegierten der nordrhein-westfälischen Triathlonvereine in Krefeld zur Jahreshauptversammlung zusammenkamen, staunten viele nicht schlecht, als sich die Präsidentin Claudia Wisser und ihr Vize Ralf Eckert mit in den viel zu kleinen Versammlungsraum der Geschäftsstelle des Nordrhein-Westfälischen Triathlonverbands (NRWTV) drängten. Sie hatten die lange Anreise aus Eching bei München natürlich nicht ohne Grund auf sich genommen: Nachdem NRWTV-Präsident Dieter Hofmann (70) noch vor kurzem seinen Rückzug aus dem Amt angekündigt hatte, wollte er sich nun doch noch einmal für weitere zwei Jahre an die Spitze des mitgliederstärksten Landesverbands wählen lassen. Hofmann gilt als enger Vertrauter der in die Kritik geratenen Präsidentin, sein Verzicht hätte die Machtverhältnisse in der DTU womöglich kippen lassen.
Wenige Tage vor der Wahl nämlich hatte der ehemalige DTU-Vizepräsident Leistungssport, Dr. Michael Kraus, angekündigt, gegen Hofmann antreten zu wollen. Vor Jahresfrist hatte Wisser den Mediziner aus Gladbeck kurz vor ihrer Wahl zur DTU-Präsidentin als Konkurrent aus dem Feld geschlagen und es bestand kein Zweifel daran, dass sich ein NRWTV unter Kraus' Führung aus der Koalition der "großen Drei" verabschiedet hätte, zu denen neben Nordrhein-Westfalen die Landesverbände in Bayern und Baden-Württemberg zählen. Allein Nordrhein-Westfalen vereinigte beim jüngsten DTU-Verbandstag in Darmstadt 70 der 302 Stimmkarten auf sich, angesichts der breiten Opposition aus mindestens 11 der 16 Landesverbände lag das politische Schicksal Wissers damit in der Hand des NRWTV-Präsidenten Dieter Hofmann.
"Endlich mal wieder dem Sport zuwenden"
Auch ohne die warmen Worte der Anerkennung, die Wisser kurz vor der geheimen Abstimmung in Krefeld fand, hätte sich Hofmann aber wohl durchgesetzt. Zu dünn, zu durchschaubar war das Konzept des Gegenkandidaten. Im Landesverband ist man ja auch zufrieden mit dem, was Hofmann dort in den vergangenen zehn Jahren auf den Weg gebracht hat. In der DTU allerdings werfen ihm viele inzwischen vor, er trage als Sprecher der Landesverbände die Politik der Präsidentin und ihres Schatzmeisters Eckert viel zu unkritisch mit: Seit ihrem Amtsantritt im November 2008 hat das Rechtsanwalts-Duo Wisser/Eckert, das inzwischen vor den Toren Münchens eine gemeinsame Kanzlei für Wirtschafts- und Sportrecht betreibt, eine ganze Flut von Rechtsstreitigkeiten und Klageandrohungen gegen ehemalige und amtierende Funktionäre innerhalb der DTU gestartet. "Altlasten abarbeiten", nennt Wisser das und stellte bereits in Aussicht, ihre DTU-Grundsanierung werde wohl ein weiteres Jahr in Anspruch nehmen. Derweil wächst in den Verbänden und Vereinen die Sehnsucht, man möge sich "da oben endlich mal wieder dem Sport zuwenden".
Sie selbst habe den enormen Arbeitsaufwand unterschätzt, betont die Präsidentin immer wieder. Und ließ sich und ihrem Schatzmeister jetzt von den Landespräsidenten per Dienstvertrag rückwirkend zum Jahresbeginn 2009 eine monatliche Aufwandsentschädigung von 1.000 Euro absegnen. Auch dabei durfte sie auf die Zustimmung vor allem aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg rechnen, eine "Professionalisierung dieser Funktionen" könne auch "einen Mehrgewinn" bedeuten, hieß es aus Stuttgart. Ärgerlich nur, dass Präsidentenämter in der Deutschen Triathlon Union per derzeit geltender Satzung im Ehrenamt wahrgenommen werden müssen. Nach dem deutschen Einkommenssteuergesetz ist damit die Aufwandsentschädigung auf 500 Euro beschränkt. Pro Jahr.
"Keine rechtliche Grundlage für Dienstverträge"
Finanzexperten glauben nun, die DTU setze wegen der "Dienstverträge" ihre Gemeinnützigkeit aufs Spiel. Denn nach einem Beschluss des Bundesfinanzhofs von 2001 sei einem Verein (und um einen solchen handelt es sich im steuerrechtlichen Sinne bei der DTU) die Gemeinnützigkeit abzuerkennen, sofern er seinem Vorstand eine Vergütung zahlt, obwohl dieser nach der Satzung ehrenamtlich tätig ist. Der in die DTU-Satzung geschriebene Verweis auf die Finanzordnung, die die Details einer Aufwandsentschädigung regeln soll, enthalte ebenfalls keine rechtliche Grundlage für die in Darmstadt beschlossenen Dienstverträge.
Nicht nur die jährlich 24.000 Euro an Wisser und Eckert wären dann nachträglich zu versteuern, ein großer Teil des Finanzverkehrs der DTU würde mit dem Verlust der Gemeinnützigkeit der Steuerpflicht unterliegen. Die Nachforderungen des Finanzamts könnten da schnell "in den sechsstelligen Bereich" geraten, befürchtet der am vergangenen Samstag ebenfalls im Amt bestätigte schleswig-holsteinische Verbandspräsident Carsten Bieler. Er hatte als Kassenprüfer der DTU bereits vor Monaten vor einer "Selbstbedienung des Präsidiums aus den Kassen des Verbands" gewarnt - inzwischen wurde er abgelöst.
Auf der Suche nach der Dreiviertel-Mehrheit
Immerhin: Einen Ausweg aus dem Dilemma könnte ein Erlass des Bundesministeriums der Finanzen vom 14. Oktober 2009 bieten. Offenbar vermutet man dort, Regelungen wie die Dienstverträge der DTU könnten weiter verbreitet sein: "Falls ein gemeinnütziger Verein bis zu dem Datum dieses Schreibens ohne ausdrückliche Erlaubnis dafür in seiner Satzung bereits Tätigkeitsvergütungen gezahlt hat, sind daraus unter den folgenden Voraussetzungen keine für die Gemeinnützigkeit des Vereins schädlichen Folgerungen zu ziehen", heißt es. Und unter Punkt 2 die Empfehlung: "Die Mitgliederversammlung beschließt bis zum 31. Dezember 2010 eine Satzungsänderung, die Tätigkeitsvergütungen zulässt."
Sollte sich die Einschätzung der Steuerexperten bestätigen, müsste Wisser also zum nächsten ordentlichen Verbandstag der DTU im November 2010 die Satzung entsprechend umschreiben. Sie bräuchte dafür allerdings nicht die einfache, sondern eine Dreiviertel-Mehrheit aller Stimmen. Um die zusammenzubekommen, werden die Präsidentin und ihr Schatzmeister die Wahlkampf-Tour durch Triathlon-Deutschland wohl noch ein wenig fortsetzen müssen. Auch andernorts könnte es also bald heißen: "Wisser kommt".
Jens Richter
Weitere Beiträge auf tri-mag.de
DTU-Präsidentin setzt Kassenprüfer vor die Tür (4.11.2009)
DTU-Verbandstag: Demokratie der Mächtigen (7.11.2009)